Egon Schiele in Neulengbach 1912
Fortsetzung - der Skandal um das Mädchen Tatjana von Mossig
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Stehendes Mädchen mit gehobenem Rock  1911 
 


Liegender Akt
1911

das folgende ist entnommen aus http://www.neulengbach.com
Die Anzeige
Vermutlich schon im März 1912 suchte die kaum 14-jährige Tatjana von Mossig Schieles Bekanntschaft. Nachdem sie sich ihm schon zuvor bei der Arbeit im Freien genähert hatte, stand sie eines abends bei Sturm und Regen an Schieles Haustür und bat ihn und Valerie Neuzil unter Tränen, bei ihnen übernachten zu dürfen, da sie sich von ihren Eltern schlecht behandelt fühlte und ausgerissen wäre. Schiele und Wally lehnten zunächst ab. Angesichts des stürmischen Wetters und der Versicherung Tatjanas, nur für eine Nacht bleiben zu wollen, um am folgenden Tag zu ihrer Großmutter nach Wien zu fahren, willigte Schiele ein. Das Mädchen verbrachte die Nacht in Wallys Zimmer.

Am nächsten Morgen fuhren die drei nach Wien-Westbahnhof, wo sich Schiele von Wally und Tatjana trennte, um den Abend und die Nacht auf der Soiree eines Gönners, des Industriellen Carl Reininghaus, zu verbringen. Wally sollte Tatjana zu ihrer Großmutter begleiten. Als Schiele am folgenden Tag Wally zum vereinbarten Zeitpunkt am Westbahnhof traf, sah er zu seiner Verwunderung auch Tatjana dort stehen. Diese hätte sich doch nicht zu ihrer Großmutter gewagt, weshalb sie zusammen mit Wally in einem Hotel übernachtet hatte.

Zu dritt reisten sie zurück nach Neulengbach, wo Tatjana es bewerkstelligte, eine weitere Nacht im Haus Schieles übernachten zu können. Schiele hatte Wally zuvor aufgetragen, das Mädchen sodann zu ihren Eltern zurückzuführen. Ritter Theobald von Mossig, k. k. Linienschiffsleutnant und Marineattaché, kam dem zuvor, indem er am nächsten Morgen aufgrund entsprechender Hinweise bei Schiele auftauchte und verlangte, dieser solle ihm seine Tochter ausfolgen. Falls Schiele dem nicht nachkäme, würde er wegen Verführung einer Minderjährigen mit den Gerichten in Konflikt kommen - eine Anzeige sei bereits erstattet.

Als von Mossig und seine Tochter Schieles Haus verlassen hatten, dachte Schiele zunächst, dass die Sache damit aus der Welt sei und die Anzeige zurückgezogen würde.

Tatjanas Vater hatte zunächst lediglich eine Vermisstenanzeige erstattet. Deren Gegenstand jedoch betraf Fakten, die zumindest den Verdacht des Verbrechens der Entführung (§96 StG) begründen konnten. Dabei handelte es sich um kein Privatanklagedelikt, ein Delikt also, das nicht nur auf Verlangen des Verletzten oder eines anderen Beteiligten zu verfolgen war, sondern um ein von Amts wegen zu verfolgendes Offizialdelikt. Die Behörden waren somit gesetzlich verpflichtet, allein aufgrund der Kenntnis von diesen Sachverhalten - selbst gegen den Willen des Vaters oder der Tochter - die Sache weiter zu verfolgen und Ermittlungen anzustellen.

Nicht zuletzt wegen der in Neulengbach kursierenden Gerüchte, wonach Schiele Kinder als Modelle vewende, in seiner Wohnung Bilder von nackten Mädchen zu sehen seien und der für die Behörden keinesfalls so klaren Umstände, unter denen sich Schiele, Wally und das Mädchen Tatjana in Wien aufgehalten hatten, begann die Gendarmerie auch in Richtung eines Sexualdeliktes zu ermitteln, nämlich wegen des Verdachtes des Verbrechens der Schändung (§128 StG).

Im Zuge dessen wurde Tatjana auf ihre geschlechtliche Unberührtheit ärztlich untersucht und bei Schiele eine Hausdurchsuchung vorgenommen, bei der 125 Zeichnungen konfisziert wurden. Darunter befand sich ein „Farbblatt, darstellend ein ganz junges, nur am Oberkörper bekleidetes Mädchen“, welches im Schlafzimmer des Künstlers an der Wand hing. Schiele hatte nie geleugnet, seinen Kindermodellen und deren Freunden die Möglichkeit geboten zu haben, alle Räume frei zu besichtigen. Der Verdacht einer Sittlichkeitsübertretung nach §516 StG kam hinzu.

Die Staatsanwaltschaft St. Pölten erhielt die Ermittlungsergebnisse zu Beginn des Monats April 1912 und beantragte sogleich die Einleitung gerichtlicher Voruntersuchungen wegen der Verbrechen nach den §§96, 128 und der Übertretung nach §516 StG sowie die Verhängung der Verwahrungshaft wegen Verabredungsgefahr - die Behörde befürchtete, dass Schiele Tatjana von Mossig beeinflussen könnte.


Kottertür 1912
 
 
 


Kottergang 1912

Der Prozess
Die Hintergründe des Strafprozesses gegen Egon Schiele lassen sich heute nur unter Schwierigkeiten detailliert beschreiben, da der entsprechende Akt des seinerzeitigen k. k. Kreisgerichts St. Pölten vermutlich vernichtet wurde. Ob dies vorschriftsmäßig nach 30-jähriger Aufbewahrung im Aktenlager durch das Gericht selbst geschehen ist oder möglicherweise durch 1945 im Kreisgerichtsgebäude einquartierte russische Besatzungstruppen, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.

Einem Leserbrief des Richters Dr. Max Scheffenegger, den dieser in seiner Eigenschaft als Standesvertreter an den Neulengbacher „Wienerwald-Boten“ richtete, um Vorwürfe gegen die Justiz zu entkräften, die in einem zuvor erschienenen Artikel im Zusammenhang mit Schieles „Affäre“ erhobenen worden waren, verdankt man wesentliche Erkenntnisse über das Verfahren. Scheffenegger hatte offenbar Schieles Akt eingehend studiert.

Einzelheiten über den Prozess sind Schieles persönlicher Korrespondenz zu entnehmen sowie der Publikation „Egon Schiele im Gefängnis“ des dem Künstler eng verbundenen Kunstkritikers Arthur Roessler, der darin Schieles Eindrücke der Haft schriftstellerisch in Ich-Form nacherzählt. Aufgrund sachlicher Irrtümer in Detailfragen wird die Authentizität dieses erst nach Schieles Tod veröffentlichten Werks vielfach in Zweifel gezogen.

Es scheint festzustehen, dass sich Egon Schiele am 13. April vor einem Untersuchungsrichter in Neulengbach in einem anderthalbstündigen Verhör rechtfertigte. Als Zeugen vorgeladen waren sein Modell Valerie „Wally“ Neuzil und Fanny Wildner, eine Bewohnerin des Hauses Au Nr. 48. Nach der Vernehmung wahrscheinlich auch Tatjanas und ihres Vaters sowie einiger Kinder, die Schiele Modell gestanden oder ihn häufig besucht hatten, wurde das Verfahren im Verdachtsfall „Entführung“ eingestellt, die beiden anderen Vorwürfe - Schändung und Sittlichkeitsverletzung - blieben aufrecht.

Schiele wurde am selben Tag in Untersuchungshaft genommen, da man befürchtete, er würde vermeintliche Opfer ansonsten beeinflussen. Elf Tage danach wurde er über die Erhebung der Anklage in Kenntnis gesetzt. Ein Freund und Förderer, der Industrielle Carl Reininghaus, hatte ihm schon nach der Hausdurchsuchung den Anwalt Dr. Hans Weiser vermittelt, der ihm von Anfang an zur Seite stand. Die Bedeutung seiner Arbeit für den weiteren Verlauf ist unklar.

Den in Roesslers „Gefängnistagebuch“ beschriebenen Klagen Schieles über erniedrigende Behandlung in der Haft vermag besagter Leserbrief des Richters Scheffenegger nur zu entgegnen, dass der „offenbar höchst sensitive Künstler“ bei den vorgeschriebenen wöchentlichen Haftbesuchen durch den Gerichtsvorsteher keinerlei Beschwerde geäußert hätte -den entsprechenden Arrestvisitationsprotokollen wäre derartiges jedenfalls nicht zu entnehmen gewesen.

Schiele wurde schlussendlich am 30.4.1912 in das k. k. Kreisgericht St. Pölten überstellt, wo er bald danach in der Hauptverhandlung - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - von der Anklage der Schändung freigesprochen wurde, da die einzig maßgebende Zeugin ihre in der Voruntersuchung abgelegte Aussage in einem entscheidenden Punkt abgeschwächt hatte.

Der Vier-Richter-Senat befand Schiele jedoch für schuldig, die Sittlichkeit verletzt zu haben, indem er seine Bilder offen sichtbar in seiner Wohnung aufbewahrte, in der Kinder ein- und ausgehen konnten und verurteilte ihn am 4.5.1912 zu drei Tagen strengem Arrest. Am 7. Mai 1912 wurde Schiele von seinem Freund Heinrich Benesch, der ihn dreimal in der Haft besucht hatte, vom Gerichtsgebäude abgeholt. Um Neulengbach zu entfliehen begab er sich sogleich auf Reisen.

Die in Roesslers „Gefängnistagebuch“ geschilderte „feierliche Verbrennung“ des inkriminierten „Farbblatt[es], darstellend ein ganz junges, nur am Oberkörper bekleidetes Mädchen“, durch einen der Richter in der Verhandlung, stellt zweifellos eine Rechtsverletzung durch das Gericht dar, wurde aber als solche nicht mit einem Rechtsmittel bekämpft, das im k. u. k. Österreich als einem Rechtsstaat durchaus zur Verfügung gestanden hätte

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